Seenotfall auf der Segelyacht Desdemona: Wichtige Lektionen für jeden Segler

Ein unachtsamer Moment und eine Kette von Fehlern bei den Rettungsversuchen kosteten einem Crewmitglied der Segeljacht Desdemona das Leben. Was ist hier passiert und wie vermeiden wir diese Fehler?
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Ein folgenschwerer Tag auf der Ostsee

Im September 2015 ereignete sich auf der Ostsee ein tragischer Seenotfall auf der Segelyacht Desdemona. Obwohl dieser Vorfall bereits fast ein Jahrzehnt zurückliegt, bietet er auch heute noch wichtige Lektionen für alle Wassersportler. Basierend auf dem offiziellen Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) möchte ich diesen Fall näher beleuchten und die entscheidenden Erkenntnisse daraus teilen.

Die Ausgangslage

Die Besatzung der Desdemona befand sich auf einem Ostseesegeltörn und war gerade auf dem Weg von Gedser in Dänemark nach Warnemünde, wo sie am Abend einlaufen wollte. An Bord befanden sich vier Personen:

  • Zwei Brüder mit Segelschein, die sich die Rolle des Skippers teilten

  • Zwei weitere Personen ohne Segelschein, die als „helfende Hände“ fungierten


Diese Zusammensetzung der Crew führte dazu, dass die wichtigen und anspruchsvollen Manöver hauptsächlich von den beiden erfahreneren Skippern durchgeführt wurden, während die beiden anderen Besatzungsmitglieder nur bei einfacheren Aufgaben unterstützten.

Das Wetter am diesem Tag

Die Wetterbedingungen waren am Unfalltag keineswegs extrem:

  • Wind: Beaufort 3-4 aus W/SW
  • Wellenhöhe zwischen 0,5 und 1 Meter
  • Wassertemperatur bei etwa 16°C

Für einen Septembertag auf der Ostsee waren dies durchaus normale Bedingungen, die auf den ersten Blick kein besonderes Risiko darstellten.

Der Unfallhergang

Gegen 13 Uhr mittags passierte die Desdemona die Fahrrinne bei der Ansteuerung von Rostock. Um den Durchgangsverkehr nicht zu behindern, steuerte der Skipper die Yacht etwas westlich außerhalb des Fahrwassers, um dort die Segel zu bergen und anschließend mit Motor in Warnemünde einzulaufen.

Die Aufgaben waren klar verteilt:

  • Ein Skipper begab sich zum Bug
  • Der andere Skipper blieb am Ruder
  • Ein Crewmitglied hielt sich in der Nähe des Rudergängers auf
  • Das vierte Besatzungsmitglied sollte das Vorsegel (Fock) auf höhe des Mastes sichern und glatt ziehen


Genau in dem Moment, als das Crewmitglied auf Höhe des Mastes dabei war, das Focksegel zu bergen bzw. glatt zu ziehen, wurde die Yacht plötzlich von einer Welle erfasst. Dies führte zu einer heftigen Seitwärtsbewegung des Bootskörpers. Das Besatzungsmitglied verlor das Gleichgewicht und wurde rücklings über die Reling auf der Backbordseite geschleudert.

Der am Ruder stehende Skipper bemerkte den Vorfall sofort und rief „Mann über Bord“. Der zweite Skipper, der am Bug stand, bemerkte das Ereignis erst durch den Ruf und sah beim Zurückschauen, dass sich das Crewmitglied noch an der Reling festhalten konnte. Als er zu Hilfe eilte, rutschte das Crewmitglied ab und fiel ins Wasser.

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Die Rettungsmaßnahmen der Crew

Die Yacht wurde sofort mittels Motorkraft gewendet, um zu der Person im Wasser zurückzukehren. Die Crew versuchte, eine Leinenverbindung herzustellen, beging dabei jedoch einen folgenschweren Fehler: Sie warfen der Person im Wasser zwar eine Leine zu, vergaßen aber, das andere Ende am Boot zu befestigen oder festzuhalten. Als die Person im Wasser die Leine griff und daran zog, rutschte die gesamte Leine ins Wasser und die Verbindung zum Boot war verloren.

Ein zweiter Rettungsversuch mit dem Rettungskragen aus dem Cockpitbereich scheiterte ebenfalls. Die Leine rollte sich nicht richtig ab, war vertüttelt und der Rettungskragen kam nur etwa ein bis zwei Meter weit, bevor er wie ein Bumerang zurück zum Boot flog.

Die Besatzung berichtete später, dass die Kräfte des im Wasser treibenden Crewmitglieds erschreckend schnell nachließen, obwohl die Wassertemperatur mit 16°C eigentlich noch nicht in einem Bereich lag, bei dem man unmittelbar mit lebensbedrohlicher Unterkühlung rechnen müsste.

Der Mayday-Notruf

Erst etwa 15 Minuten nach dem Unfall – eine kritisch lange Zeitspanne in einer solchen Situation – versuchte die Crew, Hilfe zu holen. Statt direkt Bremen Rescue Radio über Kanal 16 zu rufen, wählte der Skipper die 112 auf seinem Handy, da das UKW-Funkgerät nach Aussage der Crew defekt war. Der Vercharterer widersprach dieser Darstellung später und behauptete, das Gerät habe einwandfrei funktioniert.

Erst gegen 14 Uhr trafen das Polizeiboot „Warnow“ und der Seenotkreuzer aus Warnemünde am Unfallort ein. Die Rettungsmaßnahmen wurden sofort eingeleitet, die Yacht wurde in den Hafen entlassen, und Hubschrauber sowie Rettungsboote starteten eine großangelegte Suche nach der Person im Wasser. Die Suche lief bis zum Einbruch der Dunkelheit, blieb jedoch zunächst erfolglos. 

Was können wir aus diesem Seenotfall lernen?

Dieser Vorfall zeigt deutlich, wie mehrere Faktoren zusammenkommen können, um eine gefährliche Situation entstehen zu lassen:

1. Rettungswesten tragen – immer!

Niemand an Bord trug eine Rettungsweste. Dies war während des gesamten Törns nicht üblich. Die Crew beschränkte das Tragen von Rettungswesten auf Situationen mit schlechtem Wetter – ein fataler Irrtum. Eine richtig getragene Rettungsweste hätte dem Unfallopfer geholfen, länger über der Wasseroberfläche zu bleiben und auch bei Erschöpfung eine sichere Atemposition (ohnmachtsicher) einzunehmen.

2. Vorbereitung auf Notfälle

Die Crew hatte sich nicht auf Notfälle vorbereitet und keine Mann-über-Bord-Manöver mit den unerfahrenen Crewmitgliedern durchgesprochen. Die Rettungsmittel wie Rettungsringe waren nicht einsatzbereit und wurden nicht vorab auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft.

3. Sofortige Alarmierung der Rettungskräfte

In einem Notfall zählt jede Minute. Der verzögerte Notruf und die Nutzung der allgemeinen Notrufnummer 112 statt einer direkten Kontaktaufnahme mit der Rettungsleitstelle See der Seenotretter hat kostbare Zeit verschwendet.

4. Wichtiger Hinweis zur Alarmierung

Ein wichtiger Tipp am Rande: Bei Unsicherheit, ob eine Situation einen Notruf rechtfertigt, sollte man lieber zu früh als zu spät die Seenotretter alarmieren. Niemand wird böse sein, wenn sich die Situation durch Eigenrettung löst und der Einsatz abgebrochen werden kann. Was jedoch problematisch ist, ist ein zu spät abgesetzter Notruf, der die Rettungskette verzögert.

5. Regelmäßiges Training

Selbst erfahrene Segler können in Stresssituationen Fehler machen, wenn bestimmte Manöver nicht regelmäßig trainiert werden. Die geteilte Skipperrolle erwies sich als nicht optimal, da klare Verantwortlichkeiten fehlten. Manöver, die nicht trainiert werden, werden in Notsituationen schiefgehen!

Abschließende Erkenntnisse

Bei der späteren Bergung der verunglückten Person zeigte sich übrigens, dass der erste Rettungsversuch mit der Leine durchaus erfolgversprechend gewesen wäre: Die Person hatte es tatsächlich geschafft, die Leine um den Körper zu wickeln und sich daran festzuhalten. Wäre die Leine am Boot befestigt oder auch nur festgehalten worden, hätte dies möglicherweise zur erfolgreichen Rettung geführt.

Der Fall der Desdemona macht eines klar: Egal ob erfahrener Segler oder Gelegenheitsskipper – eine gründliche Vorbereitung, regelmäßiges Sicherheitstraining und die richtige Ausrüstung sind entscheidend. Auch bei scheinbar harmlosen Bedingungen und auf kurzen Strecken kann jederzeit etwas passieren.

Der vollständige Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) ist eine lehrreiche Lektüre für alle, die selbst aufs Wasser gehen. Er bietet detaillierte Einblicke in den Vorfall und wertvolle Lehren für die eigene Sicherheit auf See. Den offiziellen Bericht können Sie hier abrufen und sich selbst ein umfassendes Bild des Vorfalls machen.

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